Das Messer zum Traum

Kläglich verschmäht vom Literaturwettbewerb „Blaues Blatt“ des Blauen Salons.

Bei Kochutensilien bin ich besonders penibel:
Als ich mit meiner Ausbildung zum Koch fertig war,
konnte ich meine Hände kaum noch bewegen.
Meinem Arzt war der Befund sofort klar;
es hatte an unergonomischen Messern gelegen.
Diese Diagnose war auch mir sehr plausibel.

Ein Wechseln des Metiers kam für mich nie in Frage
und so bereiste ich das ganze Land,
klagte jedem Dorfschmied meine Verzweiflung,
reichte ihm zum Abschied die verhasste Hand
und verblieb auf der vergeblichen Suche nach Heilung,
bis zu jenem schicksalhaften Tage,

an dem ich in einen symbolbeladenen Traum verfiel,
worin mir ein Messer in Originalverpackung erschien,
mir gebot, es „Messias“ zu heißen,
wollte ich es einst an mich ziehen.
Selbstverständlich gelobte ich, dem Gesagten kreuzbrav Folge zu leisten.
Von da an hatte meine Obsession mit Schneidwerkzeug zumindest ein klares Ziel.

Ein früherer Schulfreund von mir war Lobbyist der Rüstungsindustrie,
in seinem Anzug wirkte er wie eine Skulptur aus Blei.
Früher hatte er immer in Chemie herausgeragt,
jetzt kokste er und hatte immer Broschüren dabei.
Damit wäre zu unserer Freundschaft eigentlich alles gesagt.
Durch ihn kam ich zur nächsten Epiphanie.

Zwei Wochen später besuchten wir eine Waffenmesse,
sämtlichen Besuchern hingen überdimensionale Kärtchen vom Hals.
Nach kurzer Zeit begab ich mich in einen Raum abseits des Gewimmels,
vor allem wegen der Redundanz des ausgestellten Materials.
Dort sah ich es dann, jenes Geschenk des Himmels.
Sein Verkäufer war offensichtlich ein Hesse.

Meine Suche hatte endlich einen Sinn.
Gleich nahm ich’s an mich und bezahlte
den stattlichen Betrag, die einzig verbleibende Hürde,
während ich mir unsere gemeinsame Zukunft ausmalte.
Ich bemerkte allerdings hörbar, dass es ein wenig stumpf aussehen würde,
weil ich, von Natur aus, ein nervtötender Rechthaber bin.

Jedenfalls ignorierte der Händler die Kritik,
dagegen sind solche Leute nun mal immun.
Ich verließ den Vorführraum,
denn was ich suchte, das hatte ich nun.
Das Messer zu meinem Traum
als detailgenaue, jedoch ein wenig abgestumpfte Replik.

Für meine Hände und mich war der Kauf von Nutzen.
Mein Leben war nicht mehr das eines Kranken.
Ich gehörte wieder zum regulären Küchenpersonal
und war befreit aus dem Augiasstall meiner Gedanken.
Meinem Chef war diese ganze Sache egal,
ich musste das Gerät nur ordentlich schärfen und putzen.

WordPress und Zeilenumbrüche

Ich habe jetzt eine geschlagene Stunde damit verbracht, nach einer Lösung für dieses Problem zu suchen, aber nichts gefunden. Vielleicht findet ja ein Kommentator einen einfachen Weg, ohne Plugin oder CSS-Änderungen, sondern mit einer simplen Tastenkombination Leerzeilen herzustellen. So müssen die Leser eben fürs Erste mit den „rohen“ Versionen vorlieb nehmen. Wer will, kann die Texte ja in MSWord o.ä. Programme kopieren und dort lesbarer machen.

Glück

Konnte für die Siegerauswahl des Meerbuscher Literaturpreises 2014 nicht berücksichtigt werden.

 

Fortuna war ungewöhnlich apathisch, vielleicht hatte sie eine Vorahnung.

Sie sah hübsch aus, und noch so jung für ihr Alter; sie war überhaupt ein sehr fotogenes Wesen, dachte Rudi.

Drinnen war alles schon aufgebaut: Stativ, Spiegelreflexkamera, Streulichtblende. Nun musste er nur noch Fortuna in eine geeignete Position stellen, damit ihre körperlichen Vorzüge deutlich genug zur Geltung kamen. Rudi nahm einen kleinen Kasten hervor.

Er drückte auf etwas, es klickte, dann wurde für den Bruchteil einer Sekunde alles weiß. Jetzt musste er sie nur noch dazu bringen, ihm zu folgen. Das war immer der schwerste Teil, das Zerren in den Transporter. Fortuna wehrte sich jetzt mit aller Kraft, sie konnte ihre Angst nicht mehr verbergen, es war eine erbärmliche Szene. Schließlich bat er Fortunas Herrn um Hilfe und zusammen gelang es ihnen, ihre Widerspenstigkeit zu bezwingen, sie endlich hineinzuschieben und die Türen beinahe gleichzeitig zu zu schlagen. Rudi nahm heute lieber den Weg über die Autobahn, nicht die Landstraße, da hatte man bei der Einfahrt ins Dorf immer das Gefühl, über eine Klippe zu fahren, denn auch aus der Nähe schien die Straße vor dem Tal senkrecht abzuknicken.

Drinnen war alles schon vorbereitet. Rudi parkte vor dem Fachwerkhaus, zog Fortuna aus dem Wagen und schob sie in sein Reich, alles war noch an seinem Platz, dessen vergewisserte er sich immer, das musste er ja. Er kettete sie in einem weißen Raum fest. Dann verschwand er für kurze Zeit und erschien wieder, mit einem langen, schwarzen Stab.

Er drückte auf etwas, es klickte, dann wurde alles schwarz und blieb so. Für Fortuna zumindest.

Nachdem er sich die Schürze und den Gürtel mit den Messern umgebunden hatte, kettete Rudi Fortuna Hals über Kopf an ein Eisenrohr, dann zog er sich seine Handschuhe an und griff zu seinem Werkzeug. Dann stach er Fortuna in die Brust, Fortunas Sauerstofftransportstoff folgte der Schwerkraft bis zur Auffangrinne, dort verschwand er auch. Rudi arbeitete sich mit der Klinge bis zu ihrer Kehle, bevor er es wieder herauszog.

Als nächstes stellte er sicher, dass aus Fortunas Speise-und Luftröhre jeweils zwei wurden, schnitt ihr Kopf, Füße, Augenlider und Ohren ab und entsorgte sie, dann begann das Häuten – jetzt kam immer der interessanteste Teil für Rudi, da konnte man seiner Fantasie freien Lauf lassen und einen Blick auf das werfen, von dem man bisher nur die Oberfläche kannte. Und das Ausweiden! Rudi klammerte Fortunas (natürliche) Körperöffnungen zu, dann riss er ihr höchst konzentriert jedes einzelne Organ aus dem Leib und legte sie, säuberlich und der Größe nach aufgereiht, auf den grünen Tisch hinter ihm. Morgen früh würde der Gutachter kommen und einen Blick darauf werfen.

Rudi ging einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk, dann knipste er das Licht aus und ging zurück in den Ladenteil und wendete das Aushängeschild.

Rudi wusste, dass man als Metzger mit der Zeit gehen musste, deswegen fotografierte er sein Vieh, bevor ihnen der Schlachtschussapparat das Hirn pürierte – dann wüssten seine Kunden, wer für sie geopfert wurde, dann könnten sie eine Verbindung zu dem Produkt auf ihrem Teller aufbauen und würden sich ihrer Selbsttäuschung bewusst werden, er hatte sich das alles genau überlegt, als ihn mal ein Lokaljournalist um ein Interview gebeten hatte und er nicht wusste, wie er antworten sollte – jetzt hatte er ein ganzes Manifest dazu in seinem Kopf. Das spulte er immer ab, wenn man ihn nach der kleinen Ausstellung auf der Wursttheke fragte (oder dem Happening? Bisher hatte noch niemand über Salmonellen geklagt). Manche Leute schickten ihm sogar Drohbriefe, wegen seinem Beruf, nicht den Fotos. Er war immer noch Metzger, kein Henker. Ein Kunde betrat den Laden, er sah sich noch um.

Wenn mal jemand auf die Idee kommen sollte, ein Grabmal der unbekannten verzehrten Kuh zu finanzieren, würde Rudi nicht zahlen, notfalls auch zivilen Ungehorsam üben.

Der Kunde war ungewöhnlich apathisch, vielleicht hatte er eine Vorahnung.

Daheim machte sich Rudi sogar noch die Mühe, die schlechteren Fotos zu retuschieren, und er beschriftete sie alle, es war für ihn längst Routine, er war längst der Photoshop-Profi im Ort. Wie Fortuna sich freuen würde, wenn sie das sehen könnte! Das hier war ihre Apotheose; sie würde ihren Metzger lieben, wenn sie könnte!

Das Ende des Joseph K.

Leer ausgegangen beim Harder Literaturwettbewerb 2014.

Joseph stand im Schatten eines Baumes und rauchte, um gegen seine Anspannung anzukämpfen.

Ein uniformierter Rotzbengel sagte, er sehe erschöpft aus. Joseph gab ihm eine schallende Ohrfeige und klappte sein Toughbook von Panasonic aus.

Er hatte während seiner paramilitärischen Laufbahn vieles erlebt, doch Cybermobbing im großen Stil, noch dazu von christlichen Fundamentalisten wie ihm selbst ausgehend, das war auch für ihn eine neue Herausforderung. Aber den Jungs von der internen Marketingabteilung (Zelt C7) würde schon etwas einfallen, das wusste er. Er sah aber auch das Positive daran, weil er jetzt, dank der Nestbeschmutzer, endlich mehr Follower und damit eine größere Reichweite hatte. Und er überlegte, ob er noch einen Food-Blog aufmachen sollte, natürlich unter Pseudonym – denn er war ja nur verrückt, nicht dumm. Reichweite war ja ohnehin das Einzige, worauf es im modernen Journalismus ankam. Joseph spuckte die Kippe aus, zertrat sie und stieg in den Jeep.

Während der Fahrt zur Basis wurde ihm erst die ganze Absurdität klar: Dass jene Kinder und unreife Erwachsene, die sich vorher nie um ihn gekümmert, nicht mal seinen Namen gekannt und sich über weniger bornierte Leute lustig gemacht hatten, die sich vor allem um ihren Auftritt im „Sozialen Netzwerk“ sorgten, auf jede Werbung wie ein sabbernder, pawlowscher Hund ansprangen und ihr Seelenheil in Konsum und Popkultur suchten – dass jene jetzt plötzlich von einem Video über ihn aufgebracht und gerührt wurden. Sie hinterfragten es nicht mal kritisch, sie verbreiteten es einfach und lebten ihr Leben danach unter dem schützenden Schild ihrer Dummheit fort. Und wenn Joseph eines Tages sterben sollte, würden sie ihn wieder vergessen haben, doch sein Tod wäre nichtsdestotrotz eine willkommene Rechtfertigung für ihre Sauftouren.

Als Joseph dann aber eine Woche später auf HuffPo las, dass der Regisseur des Videos nackt vor seinem Haus stehend beim Masturbieren von der Polizei aufgegriffen wurde, empfand er (zum ersten und letzten Mal in seinem Leben) aufrichtiges Mitleid. Durch seine Informanten hatte er von den lachhaften Protesten der Amerikaner gegen ihre Finanzmarktfuzzies erfahren. Seine Ansichten waren vielleicht radikal, aber anders als diese von Lobbyisten eingelullten Nichtsnutze hatte er schon vor Jahrzehnten begriffen, dass man ohne die Inkaufnahme von wirklichem Leid, wahrhaftiger Mühsal, ohne das Aufbringen eines anderen Opfers als der eigenen Zeit nichts erreichen konnte, dass es nichts umsonst gibt, schon gar nicht Frieden und Gerechtigkeit.

Hatte das denn wirklich jeder verlernt, oder waren sich alle einfach nur zu bequem, war ihre Situation nicht schlimm genug, oder wussten sie es einfach nicht? War es ihnen schlicht alles egal? McDonalds war doch direkt vor ihrer Haustür (und alles dazu war längst gesagt!), warum suchten sie sich trotzdem einen Kriegsverbrecher aus Afrika für ihre Wut, warum gerade Joseph – die Auswahl war doch so viel größer! Da hatten sie nun ihr Internet und sind sofort abhängig davon geworden…von Katzenvideos. Schwachsinn und Gewalt, präsent auf allen Kanälen außer dem ihrer unmittelbaren Umgebung, allein ihre Köpfe: Augiasställe voller Mist, den sie selbst nie erfahren werden! Sie haben ihren Horizont so sehr erweitert, dass ihnen das Gehirn bald herausfällt. Alles andere dulden sie still, man könnte fast Mitleid mit ihnen haben, doch sie sind nicht besser als ausgehungerte Aasgeier, die übereinander herfallen. Sie waren selbst schuld, ihre verdammte, narzisstische Unschuld war schuld! Das machte Joseph krank. Und Joseph war kein Kulturpessimist, dafür war er viel zu fromm. Nein! Wie konnte man es in so einem System – dieser einzigen Apathokratie – bloß aushalten, ohne selbst abzustumpfen?

Oh, natürlich war alles noch viel komplizierter, natürlich sind diese Technokraten nicht mit dem UFO auf der Erde gelandet, es gab ja Ursachen für ihre Passivität! Vielleicht sind sie nicht freiwillig hier, aber wer ist das schon! Josephs Gott hatte auch sie lieb.

Dies war ein besonderer Tag, auch für einen altgedienten Drohnenpiloten wie Jack, aber er wollte sich nichts anmerken lassen. Jack starrte, wie alle anderen, seinen Bildschirm an, als ob er darauf wartete, dass der Bildschirm endlich zurück starrte.

Caesar, Machiavelli und Von Clausewitz waren für Joseph böhmische Dörfer – und die schiere Vorstellung, dass einige Nerds ihre Freiheit riskierten, um ein paar Passwörter zu stehlen, oder die Internetseite irgendeiner Behörde für ein paar Minuten unzugänglich machen, das war ihm ebenso unbegreiflich wie die Beliebtheit solcher Aktionen. Er verstand ja, dass man Zeichen setzen wollte, aber was bringt schon Symbolismus um seiner selbst willen? Da waren Joseph manche Whistleblower lieber, die hatten wenigstens etwas mehr Pathos, die waren weniger bigott, die konnten wirkliche Fehler des Systems aufzeigen, über die sich die Bevölkerung anschließend ein paar Tage empören durfte.

Ein besonders tiefgründiger, philosophischer Unterbau, herausragende Intelligenz und Charisma sind dafür völlig wurscht – alles was man braucht, ist eine Überzeugung, für die man sich jederzeit in Stücke reißen lassen würde (was nicht mal viel bedeuten muss, wenn man es auch ohne besonderen Grund tun würde). Es widerte ihn zwar an, dass empathiefähige und -unfähige Fanatiker gelegentlich ein paar Eigenschaften miteinander teilen, doch daran konnte er nicht viel ändern.

Jack klickte auf den Abschussbutton des Steuerprogramms, nicht mal den Joystick brauchte er noch, seine Anwesenheit war nur noch symbolisch. Die Satelliten wurden von Jahr zu Jahr besser. Aber Jack war zufrieden mit seinem Job, denn dieser war gut bezahlt und der Urlaub großzügig bemessen. Seine Kollegen waren leicht verwundert, weil er heute, anders als sonst, vor der Arbeit kein Tuch über seine Tastatur gelegt hatte. Sie wussten von seinem Waschzwang.

Joseph ließ seine Jünger zwecks einer außerplanmäßigen Besprechung zusammenrufen und teilte ihnen seine jüngste Epiphanie mit:

„…und überhaupt: Drohnen und Kriegsroboter, allein darin liegt die Zukunft! Schon heute zerhackt man fluoreszierende Nesseltierchen mit ihnen. Warum lasst ihr euch das von uns antun, Medusen? Ihre ganze Art ist mir so fremd, der glühende Schirm, die lähmenden Tentakeln, allein eure Fortbewegung (Rückstoßprinzip! Wenn es das nicht gäbe, man müsste es sich ausdenken)! Aber ihr seid nur der Anfang. Früher oder später wird jeder dank 3D-Druckern seine eigene kleine Privatarmee heranzüchten können. Dann können endlich auch kinderlose Ehen mit einem Stellvertreterkrieg durch jede Krise geführt werden. Wenn Drohnen, Androiden, Klone und Hologramme die Menschheit erst ganz ersetzt haben, gibt es an Weihnachten keine Familientragödien mehr. Ganz zu schweigen von Familien oder Weihnachten. Und wenn man nie eine hatte, fühlt man sich etwas weniger wie der Ausschuss der Evolution (die an diesem Punkt ohnehin ihr Ende erreicht hat)!“

Der Rechner summte etwas lauter, die Lüftung war schon etwas älter; und eine Operation wie diese nahm den Prozessor etwas mehr in Anspruch. Vielleicht schien die Luft auch deswegen stickiger zu sein, weil der Präsident, der halbe Generalstab und einige Fotografen im Raum waren.

Joseph grinste, spuckte das letzte Mal in seinem Leben auf den Boden und begab sich zurück zu seinem Zelt und den Plänen für seinen Food-Blog, er musste sich um das Layout kümmern.

Er sah noch einen länglichen Schatten über sich vorbeiziehen, dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall und alles wurde schwarz.

Jack wartete das Verhallen des Echos ab und lehnte sich zurück. Nach einigen Sekunden gaben Asche und Rauch den Blick auf die Trümmer frei. Die Bilder solcher Einschlagsstellen hatten schon immer eine gewisse Faszination auf ihn ausgeübt.

Hinter ihm begann man zu applaudieren, als er auf den zerfetzten Torso deutete, der genau in der Mitte des brennenden Kreises lag. Würde man ihn jetzt, da er ein Held war, endlich befördern? Er rückte seine Brille zurecht (man musste ja einen guten Eindruck machen, wenn man ein vorzeigbarer Patriot sein wollte!).

Doch danach musste er sich wohl am nächsten Tag erkundigen, sein Publikum strömte bereits aus dem Raum. Unten wurde ein großes Büfett angerichtet, um den Erfolg zu feiern, außerdem berief man gleich eine Pressekonferenz ein und zeichnete die pathetischen Reden für den folgenden Tag auf. Er tippte seinen Rapport für das Archiv, kurz und bündig, wie immer. Schließlich fuhr er den Rechner herunter und knipste das Licht aus, nahm seinen Mantel und verließ den Raum. Nachdem er die Tür abgeschlossen hatte, kratzte er sich am Hintern, das hatte er eigentlich schon den ganzen Tag tun wollen. Sein Werk war getan.

Unwillkürlich senkte er den Kopf und untersuchte seine Hände. Er war, nach all den Jahren, immer noch überrascht, dass am Ende keines einzigen Arbeitstages Blut daran klebte, nicht mal sein eigenes.

Ausflug zu dritt

Nicht ausgezeichnet mit dem Würth-Literaturpreis 2014.

Vor dem Start aßen wir noch zusammen in der Ingenieurs-Mensa. Grundsätzlich unternahm ich nie einen Testflug mit leerem Magen – sonst wusste man bei einem Looping ja nicht, wo oben und unten ist; die Eingeweide mussten sich schon ordentlich drehen können. Und das hier konnte, wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit (aber doch einer höheren, als den meisten Leuten bewusst ist), unsere Henkersmahlzeit sein. Denn das hier war eine richtige Expedition ins Ungewisse, kein Crashtest.

Der Abschied von Frau und Kindern fiel mir nicht schwer, ich war selber überrascht deswegen, denn es war nicht so, dass ich sie nicht innig liebte, das tat ich doch! Aber es war bloß eine einfache Fahrt mit dem Aufzug, letztendlich gab es nur eine andere Endstation als sonst: Die Türen würden sich nicht in der Sportabteilung, sondern auf der Marsoberfläche öffnen.

In meiner Kindheit, ich erinnere mich noch sehr gut daran, wenn meine Eltern mit uns, also mir und meinen Geschwistern, einkaufen gefahren sind, dann bin ich immer dort mitgegangen, wo ich den Aufzug benutzen konnte. Rolltreppen sind doof, das finde ich heute noch – wie zur Bestätigung kriegt man meistens noch einen kleinen Stromschlag, wenn man sie doch mal benutzt. Ich kann sie nicht sehen, sie sind so furchtbar langsam, wie Schnecken schleimen sie ihre Bahnen hinauf und hinab, manchmal klemmt sich noch irgendeine arme Sau mit ihrem Schal ein und sein Rückenmark schreitet danach, ganz wie Störtebeker, an ein paar Regalen mit weißer Unterwäsche und Socken vorbei.

Was soll man da gegen herkömmliche Aufzüge sagen, ihre ganze, unverstellte Art – ihre Direktheit hatte etwas Entwaffnendes, was ich liebte, wonach ich mich bei vielen Menschen vergeblich sehnte. Man ging rein, drückte auf einen Schalter, die Tür ging zu, die Tür ging auf, man ging raus. Das Mysteriöse, das ihnen anhaftete: Wenn man sie nur von außen beobachten konnte und nicht wusste, wie sie funktionierten, schienen sie anthropomorphe Erscheinungen aus dem Nichts und zurück dorthin zu transportieren. Einzig die sich ändernden Stockwerknummern in den Digitalanzeigen über den Türen kratzten an dem Bild, dass es sich um richtige Teleporter handelte. Sie faszinierten mich bis zu einem gewissen Alter auf die gleiche Weise, in der andere sich stundenlang an der Innenbeleuchtung von Kühlschränken ergötzen können.

Der Rest der Welt mochte unsere kleine Nation so sehr belächeln wie er wollte. Der Große Kopf war ein charismatischer Redner, es war völlig egal, was er sagte. Die Menge winkte uns, wir winkten zurück. Wir schritten über den Roten Teppich auf die Lifttüren zu. Ich genoss die Aufmerksamkeit, aber die war auch das Mindeste, was uns zustand – denn immerhin waren wir die Besten in dem, was wir taten. Im Zentrifugiertwerden, im Sturzflugschweben. Und unser Schimpanse (er hörte auf „Yzur“, denn er stammte aus einem argentinischen Labor) war genauso ein Prachtexemplar.

Das Projekt hatte Millionen von Geldern verschlungen, unser Land war inzwischen hoch
verschuldet, und längst hatte sich ein gewaltbereiter Widerstand geformt, immer wieder hatte man unsere Arbeit sabotiert und als Reaktion darauf wurde die Sicherheitsstufe erhöht und wir waren gezwungen, von vorne zu beginnen. Das wir diesen Tag noch erleben würden, ja selbst mit dem Lift fahren durften, den wir mitkonstruiert hatten, das war nicht selbstverständlich, das war ein großes Privileg. Früher ließen sich Herrscher Tempel und Pyramiden errichten, doch das hier war auch ein hübsches Vermächtnis, jedes Einzelteil war dazu bestimmt, unsere technische Überlegenheit zu demonstrieren.

Der Große Kopf hatte den Innenraum selbst entworfen, er ließ sich das nicht nehmen, schließlich war es sein Projekt. Er hatte auch in die technischen Pläne eingegriffen die Abstände festgelegt, unser allesbestimmendes Urmaß war an die Breite seines Hinterns gekoppelt, sein Nachfolger konnte sich ja auf andere Art seine Lorbeeren verdienen.
Auf der Rückwand hing mittig ein großes Porträt von ihm zusammen mit seinen Vorgängern, im Hintergrund unsere Fahne.

Die Fahrstuhlmusik hatte der Kultusminister, ein Kraftwerk-Fan, persönlich zusammengestellt – der Große Kopf erfüllte ihm damit einen Geburtstagswunsch. Doch bei der Konstruktion hatte man die Akustik nicht berücksichtigt, der Ton schien aus einem Blasebalg zu entweichen, einem Blasebalg aus Blech.

Die Erfindung des Countdowns, lachhaft: Die Spannung auf das ohnehin eintreffende Ereignis wird gesteigert, indem man den genauen Zeitpunkt des Ereignisses abwartet und dabei zählt, als ob das Ereignis vielleicht doch nicht eintreffen könnte. Als ob! Nun, vielleicht doch nicht. Irgendeine zersprungene Fliese, ein zerrissener Draht, ein stecknadelgroßes Loch im Tank, eine lockere Niete, man braucht kaum Phantasie dafür, aber wozu dann ein Countdown, konnte man nicht einfach den großen, roten Start-Knopf drücken und schauen, was dann passiert?
Konventionelle Raketenstarts sind freilich etwas ganz anderes, das ist so wie bei Aeschylos und Euripides: Der Gestank allen verbrannten Treibstoffs ist nur dazu da, um einem Ehrfurcht einzuflößen; das Glühen und die Rauchwolken und die gewaltigen, stählernen Startrampen sind nichts als eine Verschwendung, sie blähen nur das eigentlich belanglose Ereignis, eine Reise von A nach B, mit etwas Rauch und einem Knallen audiovisuell auf, das kann man heute auch alles am Computer machen; bei der RMS Lusitania ging es noch ganz ohne, aber im Grunde war es ein und dasselbe.

So schnell und unvermittelt wir abhoben und auf den ersten hundert Metern durchgeschleudert wurden, so abrupt normalisierte sich das Tempo; wir knallten mit den Köpfen gegen die Decke, aber danach merkte man nichts mehr von der Geschwindigkeit, mit der wir nach oben schossen, das war so gewollt, da hatte man uns drauf vorbereitet. Die Ruhe danach war beeindruckend, vielleicht etwas bedrückend, aber keineswegs andächtig oder trostspendend wie in einer Kirche. Bei der Federung und der  Schallabdämmung hatten die Techniker all unsere Erwartungen übertroffen.

Wie leicht wir nach oben glitten, das musste ein atemberaubender Anblick gewesen sein, von außen. Es war schier unglaublich, dass wir in unserer Aluminiumschale gar nichts davon mitbekamen. Was hätte ich darum gegeben, irgendwo hinaussehen zu können! Ich stellte mir vor, wie die Menschen, die Startrampe, der abgesperrte Bezirk, die Planstadt und die Felder drumherum und die Erde mit all ihren Bergen und Flüssen immer kleiner wurden, während über uns Mond und Sterne zu wachsen begannen. Ich weiß nicht, ich hätte mir das romantischer gewünscht, auch wenn mir sowas sonst eigentlich egal ist. Man hatte ja Panaromafenster geplant, aber es hätte eine internationale Blamage bedeutet, wenn uns dadurch ein feindliches Weltraumteleskop beim Popeln hätte zusehen können, deswegen wurde diese Idee schnell wieder verworfen.

Die ganzen Kameras in der Decke machten mich nicht nervös, ich hatte mich daran gewöhnt, das waren ja nur Stellvertreter unserer Freunde von der Weltraumzufriedenheitskontrollbehörde. Fehler durften wir uns nicht erlauben, schon um unserer selbst willen, aber es gab auch nicht viel, was wir hätten falsch machen können.

Die nächsten 500 Tage verliefen vollkommen ereignislos. Wir hätten eigentlich längst ankommen müssen. Man hatte uns ja darauf vorbereitet, dass es lange dauern würde, aber wir hatten seit dem Start keinen Kontakt mehr zur Bodenstation. Natürlich haben wir versucht, während unserer gemeinsamen Zeit möglichst viel miteinander zu reden, schon um bei Verstand zu bleiben, allerdings war schon nach den ersten 30 Tagen alles gesagt und jeder kannte die Lebensgeschichte des anderen in- und auswendig; somit waren wir gezwungen, uns anderen Themen zu widmen und mutmaßten, was unsere Familien, unser Land, die Welt jetzt machen würde. Wir bezweifelten irgendwann, dass man überhaupt noch an uns dachte.
Die Wände waren allesamt zu drei Vierteln mit Spiegeln verkleidet, der Abschnitt darüber diente als Aquarium, eine gewaltige, ringförmige Glasröhre. Keine Schaltflächen, nicht ein einziger Knopf – alles wurde von der Bodenstation gesteuert, streng genommen waren wir nicht mal Liftboys, nur Passagiere. Rauchmelder und Feuerlöscher waren etwas für Weicheinationen. Wir hatten das Rad neu erfunden, wer dachte da an Sicherheitsvorkehrungen? Es war noch zu früh, um sich vor dem Hungertod zu fürchten. Unsere drei Anzüge konnten ja fast alles wiederaufbereiten, fast alles – wir hatten noch mindestens zehn Wochen. Und der Affe war ja auch noch da. Fische, naja, nicht mein Geschmack. Für Sauerstoff war gesorgt, Pflanzen waren an Bord, wir hatten einen eigenen Raum für das Grünzeug. Die Solar- und Brennstoffzellen funktionierten auch. Das Unangenehmste: Die Klingen unserer Rasierapparate waren längst stumpf.
Sicher, die Muskeln wurden immer schwächer, aber davon merkte man hier nichts.
Dass man uns für eine Expedition wie diese ausgewählt hatte war immerhin ein Privileg, mochte sie bisher wissenschaftlich noch so erfolglos gewesen sein. Wer von uns wohl als erster einknicken würde? Drei Liftboys sind ohnehin zwei zuviel.

 

Spiegel gehören zu Aufzügen dazu, sie geben einem einen Leidensgenossen für die rastlose
Einsamkeit zwischen den Etagen, aber trotzdem: je langsamer der Passagier nach oben befördert wird, desto größer ist die Gefahr, dass er im klaustrophobischen Delirium das Ebenbild an der Wand kurz- und kleinschlägt, dass seine Augen erst gelb und dann rot werden und er seinen Kopf explodieren sieht und tibullgleich gegen die Tür schlägt, doch im Wissen, dass auf der anderen Seite nur eine weitere Wand ist. Und diese ist dann meistens noch unverputzt. Ich hatte einen Kloß im Hals, meine Hand, mein ganzer Arm wurde schlaff, als ich im Begriff war, ihn zum Schlagen hochzuheben, also ließ ich es.
So verharrten wir noch mindestens fünf Tage (trotz Uhr hatten wir kein wirkliches Zeitgefühl mehr), bis wir auf einmal Bohrgeräusche unter uns hörten und nach einigen Minuten den Boden unter den Füßen verloren. Noch ehe wir im Auffangnetz landeten, das zwischen mehreren Hubschraubern hing, wurde uns klar, was passiert war. Der Weltraumlift hatte nicht mal die Atmosphäre der Erde durchbrochen, und durch den Stromausfall, das Baumaterial des Lifts und den weiterbrennenden Treibstoff wurde eine zügige Rettung nahezu unmöglich gemacht. Unsere Rettung war mehr als eine nette Geste, denn es galt ja, nach dem verkorksten Start, die Ehre der Nation wiederherzustellen; das war uns klar. Nach der Landung warteten gleich mehrere Jeeps mit Sanitätern auf uns, wir wurden aber nach einer provisorischen Untersuchung zuerst zur Pressekonferenz gefahren, nicht etwa ins nächste Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin bekamen wir
eingeschärft, worüber wir sprechen durften und worüber nicht.

Wir gingen zu den Tischen mit den Mikrofonen, setzten uns, warteten bis der Applaus und die Buh-Rufe sich legten; danach fragte uns ein Vertreter der Staatspresse, wie wir uns nun fühlten. Ich hielt Yzur vor die Mikrofone und er erklärte den Kameras nach einem Schluck Wasser, dass er Spaß gehabt hatte, obwohl der Ausflug zu dritt ganz offensichtlich anders als geplant verlaufen sei und wir beide ihn wahrscheinlich am liebsten verspeist hätten. Aber es war dennoch keine Aufzugfahrt wie jede andere – davon zeugt noch heute das Außer-Betrieb-Schild. Die zweitgrößte Touristenaktion hier, nach dem Mausoleum vom Großen Kopf, glaubt man der Statistik.