Ausflug zu dritt

Nicht ausgezeichnet mit dem Würth-Literaturpreis 2014.

Vor dem Start aßen wir noch zusammen in der Ingenieurs-Mensa. Grundsätzlich unternahm ich nie einen Testflug mit leerem Magen – sonst wusste man bei einem Looping ja nicht, wo oben und unten ist; die Eingeweide mussten sich schon ordentlich drehen können. Und das hier konnte, wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit (aber doch einer höheren, als den meisten Leuten bewusst ist), unsere Henkersmahlzeit sein. Denn das hier war eine richtige Expedition ins Ungewisse, kein Crashtest.

Der Abschied von Frau und Kindern fiel mir nicht schwer, ich war selber überrascht deswegen, denn es war nicht so, dass ich sie nicht innig liebte, das tat ich doch! Aber es war bloß eine einfache Fahrt mit dem Aufzug, letztendlich gab es nur eine andere Endstation als sonst: Die Türen würden sich nicht in der Sportabteilung, sondern auf der Marsoberfläche öffnen.

In meiner Kindheit, ich erinnere mich noch sehr gut daran, wenn meine Eltern mit uns, also mir und meinen Geschwistern, einkaufen gefahren sind, dann bin ich immer dort mitgegangen, wo ich den Aufzug benutzen konnte. Rolltreppen sind doof, das finde ich heute noch – wie zur Bestätigung kriegt man meistens noch einen kleinen Stromschlag, wenn man sie doch mal benutzt. Ich kann sie nicht sehen, sie sind so furchtbar langsam, wie Schnecken schleimen sie ihre Bahnen hinauf und hinab, manchmal klemmt sich noch irgendeine arme Sau mit ihrem Schal ein und sein Rückenmark schreitet danach, ganz wie Störtebeker, an ein paar Regalen mit weißer Unterwäsche und Socken vorbei.

Was soll man da gegen herkömmliche Aufzüge sagen, ihre ganze, unverstellte Art – ihre Direktheit hatte etwas Entwaffnendes, was ich liebte, wonach ich mich bei vielen Menschen vergeblich sehnte. Man ging rein, drückte auf einen Schalter, die Tür ging zu, die Tür ging auf, man ging raus. Das Mysteriöse, das ihnen anhaftete: Wenn man sie nur von außen beobachten konnte und nicht wusste, wie sie funktionierten, schienen sie anthropomorphe Erscheinungen aus dem Nichts und zurück dorthin zu transportieren. Einzig die sich ändernden Stockwerknummern in den Digitalanzeigen über den Türen kratzten an dem Bild, dass es sich um richtige Teleporter handelte. Sie faszinierten mich bis zu einem gewissen Alter auf die gleiche Weise, in der andere sich stundenlang an der Innenbeleuchtung von Kühlschränken ergötzen können.

Der Rest der Welt mochte unsere kleine Nation so sehr belächeln wie er wollte. Der Große Kopf war ein charismatischer Redner, es war völlig egal, was er sagte. Die Menge winkte uns, wir winkten zurück. Wir schritten über den Roten Teppich auf die Lifttüren zu. Ich genoss die Aufmerksamkeit, aber die war auch das Mindeste, was uns zustand – denn immerhin waren wir die Besten in dem, was wir taten. Im Zentrifugiertwerden, im Sturzflugschweben. Und unser Schimpanse (er hörte auf „Yzur“, denn er stammte aus einem argentinischen Labor) war genauso ein Prachtexemplar.

Das Projekt hatte Millionen von Geldern verschlungen, unser Land war inzwischen hoch
verschuldet, und längst hatte sich ein gewaltbereiter Widerstand geformt, immer wieder hatte man unsere Arbeit sabotiert und als Reaktion darauf wurde die Sicherheitsstufe erhöht und wir waren gezwungen, von vorne zu beginnen. Das wir diesen Tag noch erleben würden, ja selbst mit dem Lift fahren durften, den wir mitkonstruiert hatten, das war nicht selbstverständlich, das war ein großes Privileg. Früher ließen sich Herrscher Tempel und Pyramiden errichten, doch das hier war auch ein hübsches Vermächtnis, jedes Einzelteil war dazu bestimmt, unsere technische Überlegenheit zu demonstrieren.

Der Große Kopf hatte den Innenraum selbst entworfen, er ließ sich das nicht nehmen, schließlich war es sein Projekt. Er hatte auch in die technischen Pläne eingegriffen die Abstände festgelegt, unser allesbestimmendes Urmaß war an die Breite seines Hinterns gekoppelt, sein Nachfolger konnte sich ja auf andere Art seine Lorbeeren verdienen.
Auf der Rückwand hing mittig ein großes Porträt von ihm zusammen mit seinen Vorgängern, im Hintergrund unsere Fahne.

Die Fahrstuhlmusik hatte der Kultusminister, ein Kraftwerk-Fan, persönlich zusammengestellt – der Große Kopf erfüllte ihm damit einen Geburtstagswunsch. Doch bei der Konstruktion hatte man die Akustik nicht berücksichtigt, der Ton schien aus einem Blasebalg zu entweichen, einem Blasebalg aus Blech.

Die Erfindung des Countdowns, lachhaft: Die Spannung auf das ohnehin eintreffende Ereignis wird gesteigert, indem man den genauen Zeitpunkt des Ereignisses abwartet und dabei zählt, als ob das Ereignis vielleicht doch nicht eintreffen könnte. Als ob! Nun, vielleicht doch nicht. Irgendeine zersprungene Fliese, ein zerrissener Draht, ein stecknadelgroßes Loch im Tank, eine lockere Niete, man braucht kaum Phantasie dafür, aber wozu dann ein Countdown, konnte man nicht einfach den großen, roten Start-Knopf drücken und schauen, was dann passiert?
Konventionelle Raketenstarts sind freilich etwas ganz anderes, das ist so wie bei Aeschylos und Euripides: Der Gestank allen verbrannten Treibstoffs ist nur dazu da, um einem Ehrfurcht einzuflößen; das Glühen und die Rauchwolken und die gewaltigen, stählernen Startrampen sind nichts als eine Verschwendung, sie blähen nur das eigentlich belanglose Ereignis, eine Reise von A nach B, mit etwas Rauch und einem Knallen audiovisuell auf, das kann man heute auch alles am Computer machen; bei der RMS Lusitania ging es noch ganz ohne, aber im Grunde war es ein und dasselbe.

So schnell und unvermittelt wir abhoben und auf den ersten hundert Metern durchgeschleudert wurden, so abrupt normalisierte sich das Tempo; wir knallten mit den Köpfen gegen die Decke, aber danach merkte man nichts mehr von der Geschwindigkeit, mit der wir nach oben schossen, das war so gewollt, da hatte man uns drauf vorbereitet. Die Ruhe danach war beeindruckend, vielleicht etwas bedrückend, aber keineswegs andächtig oder trostspendend wie in einer Kirche. Bei der Federung und der  Schallabdämmung hatten die Techniker all unsere Erwartungen übertroffen.

Wie leicht wir nach oben glitten, das musste ein atemberaubender Anblick gewesen sein, von außen. Es war schier unglaublich, dass wir in unserer Aluminiumschale gar nichts davon mitbekamen. Was hätte ich darum gegeben, irgendwo hinaussehen zu können! Ich stellte mir vor, wie die Menschen, die Startrampe, der abgesperrte Bezirk, die Planstadt und die Felder drumherum und die Erde mit all ihren Bergen und Flüssen immer kleiner wurden, während über uns Mond und Sterne zu wachsen begannen. Ich weiß nicht, ich hätte mir das romantischer gewünscht, auch wenn mir sowas sonst eigentlich egal ist. Man hatte ja Panaromafenster geplant, aber es hätte eine internationale Blamage bedeutet, wenn uns dadurch ein feindliches Weltraumteleskop beim Popeln hätte zusehen können, deswegen wurde diese Idee schnell wieder verworfen.

Die ganzen Kameras in der Decke machten mich nicht nervös, ich hatte mich daran gewöhnt, das waren ja nur Stellvertreter unserer Freunde von der Weltraumzufriedenheitskontrollbehörde. Fehler durften wir uns nicht erlauben, schon um unserer selbst willen, aber es gab auch nicht viel, was wir hätten falsch machen können.

Die nächsten 500 Tage verliefen vollkommen ereignislos. Wir hätten eigentlich längst ankommen müssen. Man hatte uns ja darauf vorbereitet, dass es lange dauern würde, aber wir hatten seit dem Start keinen Kontakt mehr zur Bodenstation. Natürlich haben wir versucht, während unserer gemeinsamen Zeit möglichst viel miteinander zu reden, schon um bei Verstand zu bleiben, allerdings war schon nach den ersten 30 Tagen alles gesagt und jeder kannte die Lebensgeschichte des anderen in- und auswendig; somit waren wir gezwungen, uns anderen Themen zu widmen und mutmaßten, was unsere Familien, unser Land, die Welt jetzt machen würde. Wir bezweifelten irgendwann, dass man überhaupt noch an uns dachte.
Die Wände waren allesamt zu drei Vierteln mit Spiegeln verkleidet, der Abschnitt darüber diente als Aquarium, eine gewaltige, ringförmige Glasröhre. Keine Schaltflächen, nicht ein einziger Knopf – alles wurde von der Bodenstation gesteuert, streng genommen waren wir nicht mal Liftboys, nur Passagiere. Rauchmelder und Feuerlöscher waren etwas für Weicheinationen. Wir hatten das Rad neu erfunden, wer dachte da an Sicherheitsvorkehrungen? Es war noch zu früh, um sich vor dem Hungertod zu fürchten. Unsere drei Anzüge konnten ja fast alles wiederaufbereiten, fast alles – wir hatten noch mindestens zehn Wochen. Und der Affe war ja auch noch da. Fische, naja, nicht mein Geschmack. Für Sauerstoff war gesorgt, Pflanzen waren an Bord, wir hatten einen eigenen Raum für das Grünzeug. Die Solar- und Brennstoffzellen funktionierten auch. Das Unangenehmste: Die Klingen unserer Rasierapparate waren längst stumpf.
Sicher, die Muskeln wurden immer schwächer, aber davon merkte man hier nichts.
Dass man uns für eine Expedition wie diese ausgewählt hatte war immerhin ein Privileg, mochte sie bisher wissenschaftlich noch so erfolglos gewesen sein. Wer von uns wohl als erster einknicken würde? Drei Liftboys sind ohnehin zwei zuviel.

 

Spiegel gehören zu Aufzügen dazu, sie geben einem einen Leidensgenossen für die rastlose
Einsamkeit zwischen den Etagen, aber trotzdem: je langsamer der Passagier nach oben befördert wird, desto größer ist die Gefahr, dass er im klaustrophobischen Delirium das Ebenbild an der Wand kurz- und kleinschlägt, dass seine Augen erst gelb und dann rot werden und er seinen Kopf explodieren sieht und tibullgleich gegen die Tür schlägt, doch im Wissen, dass auf der anderen Seite nur eine weitere Wand ist. Und diese ist dann meistens noch unverputzt. Ich hatte einen Kloß im Hals, meine Hand, mein ganzer Arm wurde schlaff, als ich im Begriff war, ihn zum Schlagen hochzuheben, also ließ ich es.
So verharrten wir noch mindestens fünf Tage (trotz Uhr hatten wir kein wirkliches Zeitgefühl mehr), bis wir auf einmal Bohrgeräusche unter uns hörten und nach einigen Minuten den Boden unter den Füßen verloren. Noch ehe wir im Auffangnetz landeten, das zwischen mehreren Hubschraubern hing, wurde uns klar, was passiert war. Der Weltraumlift hatte nicht mal die Atmosphäre der Erde durchbrochen, und durch den Stromausfall, das Baumaterial des Lifts und den weiterbrennenden Treibstoff wurde eine zügige Rettung nahezu unmöglich gemacht. Unsere Rettung war mehr als eine nette Geste, denn es galt ja, nach dem verkorksten Start, die Ehre der Nation wiederherzustellen; das war uns klar. Nach der Landung warteten gleich mehrere Jeeps mit Sanitätern auf uns, wir wurden aber nach einer provisorischen Untersuchung zuerst zur Pressekonferenz gefahren, nicht etwa ins nächste Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin bekamen wir
eingeschärft, worüber wir sprechen durften und worüber nicht.

Wir gingen zu den Tischen mit den Mikrofonen, setzten uns, warteten bis der Applaus und die Buh-Rufe sich legten; danach fragte uns ein Vertreter der Staatspresse, wie wir uns nun fühlten. Ich hielt Yzur vor die Mikrofone und er erklärte den Kameras nach einem Schluck Wasser, dass er Spaß gehabt hatte, obwohl der Ausflug zu dritt ganz offensichtlich anders als geplant verlaufen sei und wir beide ihn wahrscheinlich am liebsten verspeist hätten. Aber es war dennoch keine Aufzugfahrt wie jede andere – davon zeugt noch heute das Außer-Betrieb-Schild. Die zweitgrößte Touristenaktion hier, nach dem Mausoleum vom Großen Kopf, glaubt man der Statistik.

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