Das Ende des Joseph K.

Leer ausgegangen beim Harder Literaturwettbewerb 2014.

Joseph stand im Schatten eines Baumes und rauchte, um gegen seine Anspannung anzukämpfen.

Ein uniformierter Rotzbengel sagte, er sehe erschöpft aus. Joseph gab ihm eine schallende Ohrfeige und klappte sein Toughbook von Panasonic aus.

Er hatte während seiner paramilitärischen Laufbahn vieles erlebt, doch Cybermobbing im großen Stil, noch dazu von christlichen Fundamentalisten wie ihm selbst ausgehend, das war auch für ihn eine neue Herausforderung. Aber den Jungs von der internen Marketingabteilung (Zelt C7) würde schon etwas einfallen, das wusste er. Er sah aber auch das Positive daran, weil er jetzt, dank der Nestbeschmutzer, endlich mehr Follower und damit eine größere Reichweite hatte. Und er überlegte, ob er noch einen Food-Blog aufmachen sollte, natürlich unter Pseudonym – denn er war ja nur verrückt, nicht dumm. Reichweite war ja ohnehin das Einzige, worauf es im modernen Journalismus ankam. Joseph spuckte die Kippe aus, zertrat sie und stieg in den Jeep.

Während der Fahrt zur Basis wurde ihm erst die ganze Absurdität klar: Dass jene Kinder und unreife Erwachsene, die sich vorher nie um ihn gekümmert, nicht mal seinen Namen gekannt und sich über weniger bornierte Leute lustig gemacht hatten, die sich vor allem um ihren Auftritt im „Sozialen Netzwerk“ sorgten, auf jede Werbung wie ein sabbernder, pawlowscher Hund ansprangen und ihr Seelenheil in Konsum und Popkultur suchten – dass jene jetzt plötzlich von einem Video über ihn aufgebracht und gerührt wurden. Sie hinterfragten es nicht mal kritisch, sie verbreiteten es einfach und lebten ihr Leben danach unter dem schützenden Schild ihrer Dummheit fort. Und wenn Joseph eines Tages sterben sollte, würden sie ihn wieder vergessen haben, doch sein Tod wäre nichtsdestotrotz eine willkommene Rechtfertigung für ihre Sauftouren.

Als Joseph dann aber eine Woche später auf HuffPo las, dass der Regisseur des Videos nackt vor seinem Haus stehend beim Masturbieren von der Polizei aufgegriffen wurde, empfand er (zum ersten und letzten Mal in seinem Leben) aufrichtiges Mitleid. Durch seine Informanten hatte er von den lachhaften Protesten der Amerikaner gegen ihre Finanzmarktfuzzies erfahren. Seine Ansichten waren vielleicht radikal, aber anders als diese von Lobbyisten eingelullten Nichtsnutze hatte er schon vor Jahrzehnten begriffen, dass man ohne die Inkaufnahme von wirklichem Leid, wahrhaftiger Mühsal, ohne das Aufbringen eines anderen Opfers als der eigenen Zeit nichts erreichen konnte, dass es nichts umsonst gibt, schon gar nicht Frieden und Gerechtigkeit.

Hatte das denn wirklich jeder verlernt, oder waren sich alle einfach nur zu bequem, war ihre Situation nicht schlimm genug, oder wussten sie es einfach nicht? War es ihnen schlicht alles egal? McDonalds war doch direkt vor ihrer Haustür (und alles dazu war längst gesagt!), warum suchten sie sich trotzdem einen Kriegsverbrecher aus Afrika für ihre Wut, warum gerade Joseph – die Auswahl war doch so viel größer! Da hatten sie nun ihr Internet und sind sofort abhängig davon geworden…von Katzenvideos. Schwachsinn und Gewalt, präsent auf allen Kanälen außer dem ihrer unmittelbaren Umgebung, allein ihre Köpfe: Augiasställe voller Mist, den sie selbst nie erfahren werden! Sie haben ihren Horizont so sehr erweitert, dass ihnen das Gehirn bald herausfällt. Alles andere dulden sie still, man könnte fast Mitleid mit ihnen haben, doch sie sind nicht besser als ausgehungerte Aasgeier, die übereinander herfallen. Sie waren selbst schuld, ihre verdammte, narzisstische Unschuld war schuld! Das machte Joseph krank. Und Joseph war kein Kulturpessimist, dafür war er viel zu fromm. Nein! Wie konnte man es in so einem System – dieser einzigen Apathokratie – bloß aushalten, ohne selbst abzustumpfen?

Oh, natürlich war alles noch viel komplizierter, natürlich sind diese Technokraten nicht mit dem UFO auf der Erde gelandet, es gab ja Ursachen für ihre Passivität! Vielleicht sind sie nicht freiwillig hier, aber wer ist das schon! Josephs Gott hatte auch sie lieb.

Dies war ein besonderer Tag, auch für einen altgedienten Drohnenpiloten wie Jack, aber er wollte sich nichts anmerken lassen. Jack starrte, wie alle anderen, seinen Bildschirm an, als ob er darauf wartete, dass der Bildschirm endlich zurück starrte.

Caesar, Machiavelli und Von Clausewitz waren für Joseph böhmische Dörfer – und die schiere Vorstellung, dass einige Nerds ihre Freiheit riskierten, um ein paar Passwörter zu stehlen, oder die Internetseite irgendeiner Behörde für ein paar Minuten unzugänglich machen, das war ihm ebenso unbegreiflich wie die Beliebtheit solcher Aktionen. Er verstand ja, dass man Zeichen setzen wollte, aber was bringt schon Symbolismus um seiner selbst willen? Da waren Joseph manche Whistleblower lieber, die hatten wenigstens etwas mehr Pathos, die waren weniger bigott, die konnten wirkliche Fehler des Systems aufzeigen, über die sich die Bevölkerung anschließend ein paar Tage empören durfte.

Ein besonders tiefgründiger, philosophischer Unterbau, herausragende Intelligenz und Charisma sind dafür völlig wurscht – alles was man braucht, ist eine Überzeugung, für die man sich jederzeit in Stücke reißen lassen würde (was nicht mal viel bedeuten muss, wenn man es auch ohne besonderen Grund tun würde). Es widerte ihn zwar an, dass empathiefähige und -unfähige Fanatiker gelegentlich ein paar Eigenschaften miteinander teilen, doch daran konnte er nicht viel ändern.

Jack klickte auf den Abschussbutton des Steuerprogramms, nicht mal den Joystick brauchte er noch, seine Anwesenheit war nur noch symbolisch. Die Satelliten wurden von Jahr zu Jahr besser. Aber Jack war zufrieden mit seinem Job, denn dieser war gut bezahlt und der Urlaub großzügig bemessen. Seine Kollegen waren leicht verwundert, weil er heute, anders als sonst, vor der Arbeit kein Tuch über seine Tastatur gelegt hatte. Sie wussten von seinem Waschzwang.

Joseph ließ seine Jünger zwecks einer außerplanmäßigen Besprechung zusammenrufen und teilte ihnen seine jüngste Epiphanie mit:

„…und überhaupt: Drohnen und Kriegsroboter, allein darin liegt die Zukunft! Schon heute zerhackt man fluoreszierende Nesseltierchen mit ihnen. Warum lasst ihr euch das von uns antun, Medusen? Ihre ganze Art ist mir so fremd, der glühende Schirm, die lähmenden Tentakeln, allein eure Fortbewegung (Rückstoßprinzip! Wenn es das nicht gäbe, man müsste es sich ausdenken)! Aber ihr seid nur der Anfang. Früher oder später wird jeder dank 3D-Druckern seine eigene kleine Privatarmee heranzüchten können. Dann können endlich auch kinderlose Ehen mit einem Stellvertreterkrieg durch jede Krise geführt werden. Wenn Drohnen, Androiden, Klone und Hologramme die Menschheit erst ganz ersetzt haben, gibt es an Weihnachten keine Familientragödien mehr. Ganz zu schweigen von Familien oder Weihnachten. Und wenn man nie eine hatte, fühlt man sich etwas weniger wie der Ausschuss der Evolution (die an diesem Punkt ohnehin ihr Ende erreicht hat)!“

Der Rechner summte etwas lauter, die Lüftung war schon etwas älter; und eine Operation wie diese nahm den Prozessor etwas mehr in Anspruch. Vielleicht schien die Luft auch deswegen stickiger zu sein, weil der Präsident, der halbe Generalstab und einige Fotografen im Raum waren.

Joseph grinste, spuckte das letzte Mal in seinem Leben auf den Boden und begab sich zurück zu seinem Zelt und den Plänen für seinen Food-Blog, er musste sich um das Layout kümmern.

Er sah noch einen länglichen Schatten über sich vorbeiziehen, dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall und alles wurde schwarz.

Jack wartete das Verhallen des Echos ab und lehnte sich zurück. Nach einigen Sekunden gaben Asche und Rauch den Blick auf die Trümmer frei. Die Bilder solcher Einschlagsstellen hatten schon immer eine gewisse Faszination auf ihn ausgeübt.

Hinter ihm begann man zu applaudieren, als er auf den zerfetzten Torso deutete, der genau in der Mitte des brennenden Kreises lag. Würde man ihn jetzt, da er ein Held war, endlich befördern? Er rückte seine Brille zurecht (man musste ja einen guten Eindruck machen, wenn man ein vorzeigbarer Patriot sein wollte!).

Doch danach musste er sich wohl am nächsten Tag erkundigen, sein Publikum strömte bereits aus dem Raum. Unten wurde ein großes Büfett angerichtet, um den Erfolg zu feiern, außerdem berief man gleich eine Pressekonferenz ein und zeichnete die pathetischen Reden für den folgenden Tag auf. Er tippte seinen Rapport für das Archiv, kurz und bündig, wie immer. Schließlich fuhr er den Rechner herunter und knipste das Licht aus, nahm seinen Mantel und verließ den Raum. Nachdem er die Tür abgeschlossen hatte, kratzte er sich am Hintern, das hatte er eigentlich schon den ganzen Tag tun wollen. Sein Werk war getan.

Unwillkürlich senkte er den Kopf und untersuchte seine Hände. Er war, nach all den Jahren, immer noch überrascht, dass am Ende keines einzigen Arbeitstages Blut daran klebte, nicht mal sein eigenes.

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