Glück

Konnte für die Siegerauswahl des Meerbuscher Literaturpreises 2014 nicht berücksichtigt werden.

 

Fortuna war ungewöhnlich apathisch, vielleicht hatte sie eine Vorahnung.

Sie sah hübsch aus, und noch so jung für ihr Alter; sie war überhaupt ein sehr fotogenes Wesen, dachte Rudi.

Drinnen war alles schon aufgebaut: Stativ, Spiegelreflexkamera, Streulichtblende. Nun musste er nur noch Fortuna in eine geeignete Position stellen, damit ihre körperlichen Vorzüge deutlich genug zur Geltung kamen. Rudi nahm einen kleinen Kasten hervor.

Er drückte auf etwas, es klickte, dann wurde für den Bruchteil einer Sekunde alles weiß. Jetzt musste er sie nur noch dazu bringen, ihm zu folgen. Das war immer der schwerste Teil, das Zerren in den Transporter. Fortuna wehrte sich jetzt mit aller Kraft, sie konnte ihre Angst nicht mehr verbergen, es war eine erbärmliche Szene. Schließlich bat er Fortunas Herrn um Hilfe und zusammen gelang es ihnen, ihre Widerspenstigkeit zu bezwingen, sie endlich hineinzuschieben und die Türen beinahe gleichzeitig zu zu schlagen. Rudi nahm heute lieber den Weg über die Autobahn, nicht die Landstraße, da hatte man bei der Einfahrt ins Dorf immer das Gefühl, über eine Klippe zu fahren, denn auch aus der Nähe schien die Straße vor dem Tal senkrecht abzuknicken.

Drinnen war alles schon vorbereitet. Rudi parkte vor dem Fachwerkhaus, zog Fortuna aus dem Wagen und schob sie in sein Reich, alles war noch an seinem Platz, dessen vergewisserte er sich immer, das musste er ja. Er kettete sie in einem weißen Raum fest. Dann verschwand er für kurze Zeit und erschien wieder, mit einem langen, schwarzen Stab.

Er drückte auf etwas, es klickte, dann wurde alles schwarz und blieb so. Für Fortuna zumindest.

Nachdem er sich die Schürze und den Gürtel mit den Messern umgebunden hatte, kettete Rudi Fortuna Hals über Kopf an ein Eisenrohr, dann zog er sich seine Handschuhe an und griff zu seinem Werkzeug. Dann stach er Fortuna in die Brust, Fortunas Sauerstofftransportstoff folgte der Schwerkraft bis zur Auffangrinne, dort verschwand er auch. Rudi arbeitete sich mit der Klinge bis zu ihrer Kehle, bevor er es wieder herauszog.

Als nächstes stellte er sicher, dass aus Fortunas Speise-und Luftröhre jeweils zwei wurden, schnitt ihr Kopf, Füße, Augenlider und Ohren ab und entsorgte sie, dann begann das Häuten – jetzt kam immer der interessanteste Teil für Rudi, da konnte man seiner Fantasie freien Lauf lassen und einen Blick auf das werfen, von dem man bisher nur die Oberfläche kannte. Und das Ausweiden! Rudi klammerte Fortunas (natürliche) Körperöffnungen zu, dann riss er ihr höchst konzentriert jedes einzelne Organ aus dem Leib und legte sie, säuberlich und der Größe nach aufgereiht, auf den grünen Tisch hinter ihm. Morgen früh würde der Gutachter kommen und einen Blick darauf werfen.

Rudi ging einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk, dann knipste er das Licht aus und ging zurück in den Ladenteil und wendete das Aushängeschild.

Rudi wusste, dass man als Metzger mit der Zeit gehen musste, deswegen fotografierte er sein Vieh, bevor ihnen der Schlachtschussapparat das Hirn pürierte – dann wüssten seine Kunden, wer für sie geopfert wurde, dann könnten sie eine Verbindung zu dem Produkt auf ihrem Teller aufbauen und würden sich ihrer Selbsttäuschung bewusst werden, er hatte sich das alles genau überlegt, als ihn mal ein Lokaljournalist um ein Interview gebeten hatte und er nicht wusste, wie er antworten sollte – jetzt hatte er ein ganzes Manifest dazu in seinem Kopf. Das spulte er immer ab, wenn man ihn nach der kleinen Ausstellung auf der Wursttheke fragte (oder dem Happening? Bisher hatte noch niemand über Salmonellen geklagt). Manche Leute schickten ihm sogar Drohbriefe, wegen seinem Beruf, nicht den Fotos. Er war immer noch Metzger, kein Henker. Ein Kunde betrat den Laden, er sah sich noch um.

Wenn mal jemand auf die Idee kommen sollte, ein Grabmal der unbekannten verzehrten Kuh zu finanzieren, würde Rudi nicht zahlen, notfalls auch zivilen Ungehorsam üben.

Der Kunde war ungewöhnlich apathisch, vielleicht hatte er eine Vorahnung.

Daheim machte sich Rudi sogar noch die Mühe, die schlechteren Fotos zu retuschieren, und er beschriftete sie alle, es war für ihn längst Routine, er war längst der Photoshop-Profi im Ort. Wie Fortuna sich freuen würde, wenn sie das sehen könnte! Das hier war ihre Apotheose; sie würde ihren Metzger lieben, wenn sie könnte!

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